11.12.23
Nach Neuschneefällen in der Nacht auf den 2. Dezember gab es im Großraum Süddeutschland massive Störungen und Totalausfälle im Eisenbahnverkehr. So war etwa die Stadt Konstanz am Bodensee bis einschließlich 7. Dezember vollständig vom Eisenbahnverkehr abgehängt – sowohl Richtung Schweiz als auch Richtung Deutschland. Während die Eisenbahn in der Schweiz problemlos lief, ging in Konstanz gar nichts, nach Angaben von DB Netz soll ein Oberleitungsschaden vorgelegen haben, der scheinbar über Tage hinweg nicht behebbar. Einen Schienenersatzverkehr mit Bussen oder ähnliches gab es über Tage nicht – sehr zum Leidwesen von Berufspendlern und etwa Weihnachtsmarkttouristen.
Ein noch dramatischeres Bild gab es in der bayrischen Landeshauptstadt München. Die Stadt war ebenfalls mehrere Tage vom Eisenbahn- und Flugverkehr abgeschnitten. Der S-Bahnverkehr war zeitweise vollständig eingestellt. Das für den 2. Dezember angesetzte Bundesligaspiel zwischen dem FC Bayern und Union Berlin wurde abgesagt. Nach Angaben der DB AG sollen rund 1.500 Mitarbeiter des Konzerns mit der Beseitigung der Schneemassen beschäftigt gewesen sein und bis zu zwanzig schwere Maschinen.
Wo diese Mitarbeiter in Zeiten des massiven Personalmangels hergekommen sein sollen, wenn sie wirklich im Einsatz waren und wer dessen eigentliche Arbeit gemacht hat, ist nicht bekannt und von außen nicht nachvollziehbar. Die Folgen des ungewöhnlich starken Wintereinbruchs sind nicht nur im Straßen- und Flugverkehr eine Herausforderung, sondern insbesondere auch für die Eisenbahn als Verkehrsträger. Immer wieder stürzen Bäume unter der Last von Eis und Schnee auf Gleise und Oberleitungen.
Gleichzeitig überzieht gefrierender Niederschlag die Oberleitungen zum Teil mit fingerdicken Eispanzern, so dass sie keinen Strom mehr übertragen können oder durch die Last herabfallen. Neben den Gleisen müssen auch die parallel verlaufenden Rettungswege geräumt werden, bevor Züge wieder fahren dürfen. Der Wintereinbruch betrifft zudem die Fahrzeuge der DB, Mitarbeiter müssen die ICE, Regio- und S-Bahn-Züge buchstäblich auftauen.
Wenn die Züge von Schnee und Eis befreit sind, müssen sie auf Schäden an der Wasser- und Stromversorgung überprüft werden. Dies macht für viele Fahrzeuge zusätzliche Werkstattaufenthalte erforderlich. Die Behebung größerer frostbedingter Schäden an Fahrzeugen ist aufwendig und kann mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Das bayrische Schienennetz ist rund 10.000 Kilometer lang. Immer wieder haben Hubschrauber die Lage erkundet, um herauszufinden, ob und wo Betriebsaufnahmen möglich sind und wo etwa Bäume in den Oberleitungen hängen. Eine vorsorgliche Vegetationskontrolle scheint es nicht oder in nicht ausreichender Form gegeben zu haben.
Während sich der Eisenbahnverkehr im Laufe der Woche normalisiert hat, kam am Mittwoch die nächste Hiobsbotschaft: Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat ihre Mitglieder von Donnerstag, den 7. Dezember ab 18 Uhr im Güter- und ab 22 Uhr im Personenverkehr zu einen Warnstreik aufgerufen, der am Freitag, den 8. Dezember zu Ende ging. Betroffen waren neben der DB AG auch der Transdev-Konzern, die AKN Eisenbahn, die Citybahn Sachsen sowie insgesamt acht Unternehmen aus dem Personaldienstleistungsbereich.
Die GDL fordert u.a. die Einführung einer verlässlichen Fünf-Tage-Woche und vor dem Hintergrund der steigenden Belastung für die Betriebseisenbahner auch eine 35-Stunden-Woche. Dazu sind die Arbeitgeber aber nicht bereit, auch wenn sie neben Problemen bei der Personalakquise auch Schwierigkeiten haben, Mitarbeiter zu halten. „Sie torpedieren zudem die dringend nötigen Maßnahmen zu einer erfolgreichen Personalgewinnung und setzen so fahrlässig die Zukunft des klimafreundlichsten Verkehrsmittels Eisenbahn aufs Spiel“, so der GDL-Bundesvorsitzende Claus Weselsky.
Schwere Kritik kommt von DB-Personalvorstand Martin Seiler: „Die Lokführergewerkschaft vermiest Millionen unbeteiligten Menschen das zweite Adventswochenende. Ein Streik so kurz nach dem Wintereinbruch und so kurz vor dem Fahrplanwechsel ist verantwortungslos und egoistisch. Anstatt zu verhandeln und sich der Wirklichkeit zu stellen, streikt die Lokführergewerkschaft für unerfüllbare Forderungen. Das ist absolut unnötig!“ Parallel dazu läuft eine Urabstimmung über längere Streiks nach den Weihnachtsfeiertagen, denn die Tarifverhandlungen wurden bereits für gescheitert erklärt.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de