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Verbände fordern Elektrifizierungsoffensive

13.05.25

Die neue Bundesregierung hat sich – wie zahlreiche Vorgängerregierungen – eine deutliche Vereinfachung bei der Elektrifizierung des Schienennetzes vorgenommen. Die Allianz pro Schiene und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) begrüßen ausdrücklich, dass die zeitraubende Nutzen-Kosten-Berechnung laut Koalitionsvertrag künftig entfallen soll. Die Verbände gehen davon aus, dass Oberleitungen so deutlich schneller gebaut werden können als bisher. Nun müsse sich der Bund entsprechend ehrgeizige Ziele stecken und den jahrelangen Schwergang bei der Elektrifizierung durch eine schnelle Umsetzung überwinden.

„Wir erwarten, dass bis zum Jahr 2035 das bundeseigene Schienennetz zu 80 Prozent elektrifiziert ist“, sagten der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege, und der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Oliver Wolff, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz letzte Woche in Berlin. Die Koalitionäre selbst benennen in ihrem Vertrag keine Ziele, in welchem konkreten Zeitraum und Umfang es Fortschritte bei der Elektrifizierung geben soll.

„Bislang wurden lediglich 75 Kilometer Oberleitungen pro Jahr im staatlichen Eisenbahnnetz gebaut. Mit der nun angekündigten Beschleunigung und der im Koalitionsvertrag ebenfalls angekündigten Zusatzfinanzierung über den Klima- und Transformationsfonds ist es aber durchaus realistisch, acht Mal schneller zu werden als bisher und bis 2035 achtzig Prozent des Netzes zu elektrifizieren. Die Regierung hat den Turboknopf durch den Verzicht auf die Nutzen-Kosten-Berechnung bereits identifiziert, jetzt muss sie ihn nur noch drücken“, sagte Flege.

Neben den Umweltvorteilen einer zunehmenden Elektrifizierung wird das Schienennetz außerdem leistungsfähiger und resilienter, da auf Strecken mit Oberleitungen längere und schwerere Züge gefahren werden können. Letzteres sei für die Logistikfähigkeit Deutschlands und Europas relevant, was auch unter militärischen Gesichtspunkten wieder wichtiger werde, so VDV-Hauptgeschäftsführer Wolff: „Niemand hat in den letzten Jahrzehnten bei der Ertüchtigung und Modernisierung des deutschen Schienennetzes an militärische Zwecke gedacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Deutschland ist die zentrale Logistikdrehscheibe für Waren- und Gütertransporte in Europa, das müssen wir auch für solche Fälle und für das gesamte Schienennetz berücksichtigen.“

Wolff weist in diesem Zusammenhang zudem auf die kostengünstigere Elektrifizierung bei Nebenstrecken hin: „Bislang wurden Oberleitungen immer für Geschwindigkeiten von mindestens 160 km/h ausgelegt. Das ist in vielen Fällen unnötig und verursacht unnötig hohe Kosten. Wir empfehlen bei der Elektrifizierung von Nebenstrecken eine Regeloberleitung für 100 km/h (Einfachoberleitung), um Bauaufwand und Kosten zu sparen.“ Allerdings sieht man vor allem bei grenzüberschreitenden Strecken die vorrangige Notwendigkeit zu einer baldigen Elektrifizierung.

Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
Siegfriedstr. 24a
58453 Witten
Quelle: Zughalt.de