22.05.25
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) legt gemeinsam mit der Digitalberatung nexum erste Ergebnisse der in dieser Form und Umfang bislang einmaligen großen Deutschlandumfrage beim Fahrpersonal vor, bei der die Mitarbeiter des öffentlichen Personen- und des Schienengüterverkehrs direkt befragt wurde. Neben Einschätzungen der Befragten zu den Rahmenbedingungen ihres Jobs liefert die Befragung auch interessante Erkenntnisse, wie und warum sich die Fahrerinnen und Fahrer für diesen Beruf entschieden haben.
Insgesamt nahmen 1.425 Beschäftigte aus ganz Deutschland an der Umfrage teil. Der demografische Druck auf die Branche ist gewaltig: Allein im ÖPNV fehlen bereits heute 20.000 Busfahrer sowie 3.000 Triebfahrzeugführer. Laut VDV sind rund 100.000 Busfahrer in Deutschland tätig. Im Schienenverkehr arbeiten rund 40.000 Triebfahrzeugführer. Jährlich gehen rund 6.000 Mitarbeiter im Bus- und Tram-Fahrdienst in den Ruhestand.
Harald Kraus, Vorsitzender des VDV-Personalausschusses und Vorstandsvorsitzender der VDV-Akademie: „Wir sind vor allem beim Fahrpersonal aus demografischen Gründen mit großen Herausforderungen bei der Personalgewinnung konfrontiert. Deshalb ist es wichtig, möglichst genau einzuschätzen, wie die aktuellen, aber auch potenziellen künftigen Fahrerinnen und Fahrer auf diesen Job und seine Rahmenbedinungen blicken. Die Ergebnisse lassen sich in Anforderungen an Politik und Branche unterteilen: Für die Politik ergeben sich insbesondere vier Handlungsfelder – erstens muss die Finanzierung für die Anpassung von Arbeitszeitmodellen und Löhnen ausgebaut werden. Zweitens braucht es bundeseinheitliche Sicherheitsstandards, etwa bei technischer Ausstattung, Videospeicherfristen, Sicherheitspartnerschaften. Drittens kann das Potenzial in Aus- und Weiterbildung besser ausgeschöpft werden – durch Abbau von Qualifizierungshürden, Förderung von Umschulungen und vereinfachten Busführerscheinerwerb. Nicht zuletzt muss die Integration von Migrantinnen und Migranten über angepasste Sprachanforderungen und gezielte Förderung erleichtert werden. Aber auch die Branche ist bei den Themen Quereinsteigergewinnung, Arbeitgeberattraktivität und Digitalisierung der Rekrutierungsprozesse gefordert.“
Bessere Arbeitsbedingungen, ein wertschätzenderer Umgang durch die Fahrgäste sind aus Fahrpersonal-Sicht zentrale Faktoren, um ihren Beruf attraktiver zu machen. Auch die Branche mahnt Anpassungen beim Sprachnachweis und bei den Vorgaben für den Busführerschein-Erwerb an. Laut Deutschlandumfrage empfinden dreißig Prozent der Beschäftigten die Dienstpläne in Teilen als nur schwer vereinbar mit dem Privatleben.
Der unmittelbare Fahrgastkontakt und der zunehmende Stress im Straßenverkehr werden oft als belastend empfunden, etwa durch hohe Anspannung durch unübersichtliche Situationen im Fahrgastkontakt sowie ein wachsendes Unsicherheitsgefühl.
„Die Verkehrsunternehmen tun bereits viel, um Dienstpläne, Arbeitsbelastung und finanzielle Rahmenbedingungen im Fahrdienst zu verbessern. Aber ein höherer Verdienst oder eine arbeitnehmerfreundlichere Dienstplangestaltung können nur durch weitere finanzielle Mittel umgesetzt werden. Geld, das die Unternehmen allein nicht aufbringen können. Wenn die Politik mehr Leistung und Angebot bei Bus und Bahn fordert, muss sie Möglichkeiten schaffen, dies umzusetzen“, erklärt Kraus.
„Über 54 Prozent der Befragten kamen als Quereinsteigende in die Branche. Die Prozesse zur Bewerbung, Einarbeitung und Qualifikation müssen stärker auf diese Zielgruppe ausgerichtet sein. 31 Prozent der Befragten nannten Social Media als Bewerbungskanal, fünfzig Prozent fanden über Karriereseiten in den Beruf – persönlichen Empfehlungen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld sind mit rund 53 Prozent führend“, sagt Lisa Behrendt, Lead Consultant Employer Branding bei nexum.
Bei den digitalen Bewerbungsprozessen besteht aber dennoch großes Potenzial. Denn für Bewerber unter dreißig sind digitale Ansprache und moderne Unternehmenskultur wichtig. Die Präsenz auf verschiedenen digitalen Bewerbungsplattformen, transparente Infos zu Gehalt und Arbeitszeiten sowie Arbeitgeberbewertungen sind zentral für das Employer Branding, wenn es um die branchenübergreifende Ansprache jüngerer Zielgruppen geht. Auch hier muss man sich in der Branche in Zukunft gezielt auf deren Bedürfnisse ausrichten, um die Leute anzusprechen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de