05.06.25
Immer mehr Baustellen beeinträchtigen die Zuverlässigkeit des Eisenbahnverkehrs in Baden-Württemberg. Das Land unterstützt die Deutsche Bahn nach Kräften, um diese Herausforderung besser als bisher zu meistern. Ein Bahngipfel soll konkrete Lösungen bringen, zuletzt wurden aktuelle Schritte vorgestellt.
„Seit vielen Jahren investieren wir massiv in ein besseres und größeres Angebot im Zugverkehr, um mehr Fahrgäste für die Schiene zu gewinnen. Doch der beste Zug nützt nichts, wenn er nicht pünktlich ankommt oder ganz ausfällt. Hauptursache dafür ist die über Jahrzehnte vernachlässigte Eisenbahninfrastruktur im Netz der Deutschen Bahn. Der Bund hat das endlich erkannt und erhöht seine Investitionen erheblich. Das begrüßen wir sehr. Doch die notwendigen Baustellen beeinträchtigen derzeit die Zuverlässigkeit im ganzen Land massiv. Wir werden die Deutsche Bahn nach Kräften unterstützen, um diese Herausforderung besser als bisher zu meistern und den Fahrgästen eine gewisse Verlässlichkeit bieten zu können“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach der Sitzung des Ministerrates, in der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) über die Baustellensituation der Bahn im Land berichtet hatte.
Als Aufgabenträger des SPNV ist das Land unmittelbar von den mit der Vielzahl an Baustellen verbundenen Auswirkungen betroffen. Wegen des straffen Zeitplans für die Inbetriebnahme von Extern: Stuttgart 21 wurde nach der Lenkungskreissitzung von den Projektpartnern Land, Verband Region Stuttgart Landeshauptstadt Stuttgart und der DB eine Task Force eingesetzt, um die Folgen im Großraum Stuttgart abzumildern. Diese Task Force unterstützt die Bahn dabei.
Verkehrsminister Hermann betonte, dass es über die Arbeit Task Force hinaus aber um die Bahnstrecken in ganz Baden-Württemberg gehe: „Die Vielzahl gleichzeitiger, oft kurzfristiger und nicht rechtzeitig geplanter Baustellen trifft unsere Fahrgäste im ganzen Land wirklich hart. Ankündigungen von mehr als zwei Drittel aller Sperrungen in Baden-Württemberg erreichen die Verkehrsunternehmen aktuell nicht in den geltenden Fristen und damit deutlich zu kurzfristig. Die Eisenbahnunternehmen planen gerade nur noch unter Hochdruck und mit oftmals unvollständigen Informationen. Das geht sehr zulasten der Beschäftigten in den Fahrzeugen, die nur sehr kurzfristig erfahren, wann und wo sie als nächstes eingesetzt werden. Das macht den Beruf nicht gerade attraktiv.“
Auf der Hochrheinstrecke wurden zuletzt umfassende Bauarbeiten erst drei Wochen vorher angekündigt. Der Bahnhof in Crailsheim konnte Mitte Mai wegen sehr kurzfristig angekündigter Bauarbeiten von kaum einem Zug angefahren werden. Das hatte erneut gravierende Auswirkungen auf den Nah- und Fernverkehr im Landkreis Schwäbisch Hall. Im Februar wurde in wenigen Tagen der Nordzulauf zum Stuttgarter Hauptbahnhof gesperrt.
„Am Tag der Sperrung waren nicht einmal die digitalen Fahrplandaten aktuell. Das alles darf es so nicht mehr geben. Wir wollen die Zahl der Fahrgäste in den Zügen für den Klimaschutz verdoppeln. Es steigen auch immer noch Menschen auf den Zug um. Deshalb ist es so wichtig, dass wir sie nicht mit Baustellenchaos vertreiben. Das Baustellenmanagement muss besser, also fahrgastfreundlicher werden“, so Hermann.
Mit einem Aktionsplan Qualität im SPNV hatte das Land im Jahr 2023 zentrale Weichen für langfristige Verbesserungen gestellt: neue Verkehrsverträge mit stärkeren Anreizen für Qualität durch höhere Vertragsstrafen bei schlechten Leistungen, eine Qualitätsanwältin bzw. einen Qualitätsanwalt für Fahrgäste, zusätzliche Mittel für Ersatzbusse und bessere Information im Störfall. Die Qualität im regionalen Zugverkehr hat sich inzwischen auch leicht verbessert, wie die jüngst veröffentlichte Statistik für 2024 belegt hat. Die Infrastrukturprobleme erfordern jedoch weitere Maßnahmen.
Trotz vielfältiger Bemühungen zur systematischen Verbesserung der Qualität im SPNV gehen etwa 80 Prozent der Ausfälle auf Ursachen bei der Infrastruktur zurück. Das Land fordert deshalb insbesondere vor den massiv ansteigenden Sperrungen ab Sommer 2025 für die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 von der Infrastruktur-Sparte InfraGO der Deutschen Bahn verbindliche Fahrgast- und Qualitätsstandards. Allerdings haben hier weder die Länder noch die Aufgabenträger einen Rechtsstand. Es ist auch nicht möglich, im Bereich der Infrastruktur potentielle Schlechtleistungen zu pönalisieren. Es bleibt daher nur das Gespräch zu suchen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de