24.11.25
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat seine aktuelle Analyse für den Freistaat Thüringen für 2040 vorgelegt. Das Gutachten zeigt: Ohne gezielte Investitionen ist selbst die Qualität des heutigen Angebots kaum zu halten. Mit zusätzlichen Mitteln lassen sich hingegen in ganz Thüringen Versorgungslücken schließen, Angebotsstandards anheben und damit Lebensqualität und Standortattraktivität sichern. In Thüringen wurden im ÖPNV im Jahr 2024 rund 97 Millionen Nutzfahrzeug- beziehungsweise Nutzzugkilometer erbracht.
Der Busverkehr dominiert mit 71 Prozent der Betriebsleistung, deutlich vor Schiene (zwanzig Prozent) und Tram (neun Prozent). Gleichzeitig liegt die Kostendeckung durch Fahrgeldeinnahmen bei nur 24 Prozent – deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 33 Prozent. Das macht den öffentlichen Verkehr im Freistaat Thüringen besonders abhängig von öffentlicher Finanzierung.
„Der ÖPNV ist keine freiwillige Leistung – er ist Teil öffentlicher Daseinsvorsorge und damit Grundvoraussetzung für Mobilität, Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung“, so Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des VDV. „Gerade in einem Flächenland wie Thüringen ist es deshalb entscheidend, dass die Politik sich zu einem starken, leistungsfähigen ÖPNV bekennt und die öffentlichen Finanzmittel entsprechend steigen – nicht nur, um die Qualität zu halten, sondern um ein gutes ÖPNV-Angebot für alle Regionen zu gewährleisten.“
„Thüringen braucht verlässliche Mobilität – für die Menschen ebenso wie für die wirtschaftliche Entwicklung in Stadt und Land“, betont Mario Laube, stellvertretender Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Sachsen und Thüringen und hauptberuflich Geschäftsführer der Erfurter Verkehrs AG (EVAG). „Ein attraktiver ÖPNV macht Regionen lebenswert und Arbeitsplätze erreichbar. Die Zahlen zeigen: Wenn wir das Angebot sichern und gezielt ausbauen wollen, brauchen wir deutlich mehr finanzielle Verlässlichkeit.“
Im Basisszenario wird der ÖPNV in Thüringen technisch und strukturell erneuert: Der Sanierungsstau wird abgebaut, die Stadtbahnnetze in Erfurt, Jena und Gera werden ausgebaut, Fahrzeuge und Infrastruktur werden modernisiert, Ladeinfrastruktur wird neu aufgebaut und die Betriebshöfe werden erneuert und Prozesse werden digitalisiert und automatisiert. Das Angebot bleibt weitgehend stabil, aber die Qualität steigt.
Aufgrund des demografischen Rückgangs, mit einem prognostizierten Rückgang der Bevölkerung um 12,5 Prozent, sinkt die Nachfrage leicht (minus fünf Prozent). Trotzdem wächst der Finanzierungsbedarf bis 2040 von heute 600 Millionen Euro auf 1,12 Milliarden Euro – fast doppelt so viel wie im Jahr 2024. Schon rein inflationsbedingt würde der jährliche Finanzierungsbedarf des öffentlichen Verkehrs im Freistaat Thüringen bis 2040 auf 800 Millionen Euro pro Jahr steigen.
Im Ausbau-Szenario wird das ÖPNV-Angebot landesweit zusätzlich deutlich erweitert: Der Busverkehr wird auf Mindestbedienstandards erhöht, es gibt in den ländlichen Räumen Rufbetriebsangebote, der Zielfahrplan des Deutschlandtaktes wird realisiert und es gibt erhebliche Kapazitätsausbauten im SPNV auf der Mitte-Deutschland-Verbindung sowie der Knoten Gera und Erfurt. Das Ergebnis: 47 Prozent mehr Sitzplatzkilometer und 26 Prozent mehr Personenkilometer bis 2040.
Die Angebotsqualität verbessert sich im thüringischen ÖPNV von der Schulnote 4,0 auf die Note 2,8. Dies erfordert einen Zuwachs der Finanzmittel um jährlich um circa siebzig Millionen Euro auf rund 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2040. Besonders hoch ist der Finanzierungsbedarf für den Ausbau der Busverkehre – mit einem Anstieg um 300 Prozent. Die flächendeckenden Verbesserungen ermöglichen jedoch deutlich mehr Mobilität in ganz Thüringen – gerade für strukturschwächere Kreise.
Das VDV-Leistungskostengutachten bietet eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Politik und Verwaltung: Der Freistaat Thüringen kann seinen ÖPNV sichern und zukunftsfähig machen – aber nur mit planbaren und zusätzlichen Mitteln.
Die nächsten Jahre sind entscheidend. Ohne ein gemeinsames Handeln von Land, Bund, Kommunen und Verkehrsunternehmen wird es nicht gelingen, die Mobilität der Zukunft in Deutschland und im Freistaat Thüringen zu gestalten. Es heißt aber auch, dass bereits ein grundständiges Angebot einen erheblichen Finanzierungsbedarf hat. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Thüringen werden für ein gutes Angebot eine verlässliche öffentliche Kofinanzierung brauchen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de