19.02.26
Nach dem Mord an dem Zugbegleiter Serkan Çalar gab es in der letzten Woche eine Sicherheitskonferenz mit Vertretern von Bund, Ländern, Verkehrsunternehmen und Arbeitnehmervertretern. Sie haben sich auf einige neue Handlungsfelder für einen gemeinsamen „Aktionsplan für mehr Sicherheit auf der Schiene“ verständigt, die sie künftig umsetzen wollen.
Die DB AG selbst wird kurzfristig folgende Maßnahmen umsetzen: Noch im Jahr 2026 bekommen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt im Nahverkehr, Fernverkehr und an den Bahnhöfen Bodycams zur Verfügung gestellt; die Nutzung soll freiwillig sein. Die Bahnhöfe sollen von 200 Neueinstellungen bei DB Sicherheit profitieren. Damit DB-Mitarbeiter im Ernstfall schneller Hilfe bekommen, wird ihr schon vorhandener Hilferufknopf („Prio-Ruf“) weiter ausgerollt und auch weiterentwickelt.
Bei DB Regio gilt bei der Ticketkontrolle das Prinzip Eigensicherung vor Prüfung. Ab 1. März 2026 liegt es im Ermessen des Kontrollpersonals, ob ein Fahrgast bei der Ticketkontrolle einen Ausweis vorzeigen muss – und das obwohl zahlreiche Fahrscheine, darunter auch das Deutschlandticket, nicht übertragbar sind. Die Bundespolizei setzt ihre Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewaltkriminalität auf dem Gebiet der Bahnanlagen des Bundes uneingeschränkt fort.
Bundespolizei und DB-Sicherheit gewährleisten eine hohe Sichtbarkeit, schnelle Intervention in Notfallsituationen sowie eine zielgerichtete Unterstützung in den Bahnhöfen und entlang der Strecke. Die bewährte 25-jährige Ordnungspartnerschaft zwischen DB und Bundespolizei wird fortentwickelt. Dazu gehört auch die Forderung, Nahverkehrszüge mit mehr Personal zu besetzen. Die Verkehrsministerkonferenz wird sich Ende März damit befassen – ebenso wie mit der Fälschungssicherheit des Deutschlandtickets.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU): „Bahnhöfe und Züge müssen sichere Orte sein. Das gilt für Zugreisende und Zugpersonal in gleicher Weise. Daher müssen wir alles daransetzen, die Sicherheit auch in den Zügen weiter zu steigern. Ich bin dankbar, dass heute alle Beteiligten zusammengekommen sind und alle Maßnahmen diskutiert werden konnten. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf Grundlage des Aktionsplans schnell Verbesserungen auf den Weg bringen können.“
Dass DB-Mitarbeiter genau wie Polizeien, Feuerwehren und Rettungsdienste mehr Aggressivität zu spüren bekommen, zeigen bisher unveröffentlichte Zahlen für das vergangene Jahr. Bei Fahrkartenkontrollen, bei der Durchsetzung des Hausrechts sowie nach Großveranstaltungen kam es immer wieder zu verbalen und tätlichen Übergriffen. 2025 gab es konzernweit 3.262 körperliche Übergriffe auf DB-Mitarbeiter (versuchte sowie vollendete). Auch wenn dies im Vergleich zum Vorjahr ein leichter Rückgang ist, blieb die Zahl der Übergriffe insgesamt auf einem sehr hohen Niveau: Sie ist in den letzten zehn Jahren um 37 Prozent gestiegen (2016: 2.374).
Besonders deutlich war der Anstieg in der Corona-Pandemie im Jahr 2021. Schwere und gefährliche Körperverletzungen bilden dabei die Ausnahme und machen lediglich ein bis zwei Prozent der Fälle aus. Zusätzliche Zugbegleiter müssen allerdings von den Aufgabenträgern bestellt und finanziert werden. Der Bundesverband Schienennahverkehr als Dachorganisation der Aufgabenträger sieht seine Mitglieder außerstande, dies aus den laufenden Budgets zu finanzieren.
In einer Erklärung heißt es: „Abseits der Regionalisierungsmittel muss der Bund ein Finanzierungsinstrument schaffen, mit dem gezielt in Sicherheitsmaßnahmen investiert werden kann.“ Auch der VDV fordert weitere Maßnahmen. Zuerst eine bundesweit einheitliche Aufbewahrungsfrist für Videoaufzeichnungen bis zu dreißig Tagen zur besseren Aufklärung von Vorfällen. Der Verband fordern den Erhalt des Straftatbestands beim Schwarzfahren, um Personal bei Fahrausweiskontrollen zu schützen und Rechtsdurchsetzung zu ermöglichen. Schwerpunktkontrollen zeigen regelmäßig: Unter den kontrollierten Personen ohne gültigen Fahrausweis befinden sich auch polizeilich gesuchte Täter.
VDV-Präsident Ingo Wortmann: „Seit Jahren stellen wir eine Zunahme von Übergriffen auf Beschäftigte und Fahrgäste fest – und zwar im gesamten ÖPNV. Deshalb müssen wir das Thema ganzheitlich betrachten. Die Maßnahmen, die wir bislang mit großen Anstrengungen ergriffen haben, reichen offenkundig nicht aus. Wir müssen deshalb auch die Ursachen für die zunehmende Gewalt stärker in den Blick nehmen.“
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de