02.03.26
Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen steht im Bereich ÖPNV vor einer Richtungsentscheidung: Reicht die Finanzierung künftig maximal noch für ein „Weiter so“ – oder nutzt das Land die Chance, Angebot und Qualität spürbar zu verbessern? Antworten darauf gibt das Leistungskostengutachten, das der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) Ende Februar vorgelegt hat.
Der ÖPNV steht bundesweit unter Druck: Massive Kostensteigerungen bei Personal, Energie und Material, jahrzehntelang aufgestaute Investitionsbedarfe bei Infrastruktur, Fahrzeugen und Betriebshöfen treffen auf eine unsichere Erlössituation – unter anderem durch das Deutschland-Ticket. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Busse und Bahnen als Teil der Daseinsvorsorge und als Rückgrat moderner Mobilität. Das Leistungskostengutachten im Auftrag des VDV zeigt bundesweit und für jedes Bundesland, wie sich Angebot, Nachfrage, Kosten und Erlöse bis 2040 entwickeln und welchen finanziellen Rahmen es braucht, um entweder den Status quo zu modernisieren oder darüber hinaus ein deutlich besseres Angebot – das „Deutschlandangebot 2040“ – zu schaffen.
Nordrhein-Westfalen bietet als einwohnerreichstes Bundesland auch das größte ÖPNV-Angebot in Deutschland: 2024 wurden hier rund 735 Millionen Nutzfahrzeug- bzw. Nutzzugkilometer erbracht, die Nachfrage lag bei 24,7 Milliarden Personenkilometern – einem Fünftel der bundesweiten Nachfrage. Die Kostendeckung durch Fahrgelderlöse und sonstige Erträge liegt mit knapp 35 Prozent etwas über dem Bundesdurchschnitt von 33 Prozent – zugleich verbleibt ein öffentlicher Finanzierungsbedarf von 4,48 Milliarden Euro pro Jahr.
Ulrich Jaeger, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen: „Nordrhein-Westfalen ist ÖPNV-Land – mit dichten Netzen in den Städten und vielen Busverbindungen in den ländlichen Räumen. Das Gutachten macht aber deutlich: Wenn wir dieses Rückgrat der Mobilität erhalten und ausbauen wollen, reicht ein ‚Weiter so‘ nicht. Wir brauchen klare Zusagen von Land und Bund, dass der ÖPNV als zentrale Infrastruktur ernst genommen und langfristig finanziert wird.“
Wie immer gibt es auch hier zwei Szenarien: Das Szenario Modernisierung – Substanz erhalten, Qualität verbessern und das Szenario Deutschlandangebot 2040 – Mobilität für alle und überall. Im ersten Szenario wird das aktuelle Angebot technisch und strukturell erneuert. Es sieht den Abbau des Sanierungsstaus bei der Infrastruktur in den Straßen- und Stadtbahnnetzen ebenso vor wie die Modernisierung von Betriebshöfen und Werkstätten. Dazu kommt die Erneuerung und Dekarbonisierung der Fahrzeugflotten sowie die Digitalisierung und Automatisierung zentraler Prozesse.
Das Verkehrsangebot würde hierbei nur um etwa ein Prozent wachsen, während die Demographie dafür sorgt, dass die Nachfrage um ein Prozent sinkt. Der Finanzbedarf würde von jetzt 4,48 Milliarden Euro auf 8,47 Milliarden Euro im Jahr 2040 steigen.
Im zweiten Szenario geht man von einer Steigerung der Fahrleistung um vierzig Prozent aus. Der Deutschlandtakt würde umfassend umgesetzt werden, das RRX-Angebot im verlässlichen Viertelstundentakt zwischen Dortmund und Köln fahren und die S-Bahn Münsterland vollständig eingeführt werden. Auch auf der Wupperachse gäbe es erhebliche Verbesserungen. Hier geht man von einem Nachfrageanstieg um bis zu 26 Prozent aus.
Auch der Finanzierungsbedarf würde massiv steigen: Im Jahr 2040 wäre man bei etwa 15,67 Milliarden Euro, also rund 11,19 Milliarden Euro mehr als 2024. Notwendig wäre ein jährlicher Finanzaufwuchs in Höhe von etwa 700 Millionen Euro. Besonders stark wachsen die Bedarfe im Busverkehr (+ 340 Prozent), weil mit dem Deutschlandangebot 2040 landesweit ein flächendeckendes Grundangebot umgesetzt und gesichert wird – gerade in den Regionen, die heute noch zu wenig erschlossen sind.
Die Finanzierung könnte daher nicht ausschließlich über Regionalisierungsgelder des Bundes erfolgen, sondern würde auch erhebliche Mittel aus dem Landeshaushalt benötigen. Alexander Möller, Geschäftsführer ÖPNV beim VDV: „Das Deutschlandangebot 2040 zeigt, welches Potenzial in Nordrhein-Westfalens ÖPNV steckt: bessere Takte, mehr Kapazität, verlässliche Anbindungen – von der Großstadt bis in den ländlichen Raum. Dafür müssen die Finanzströme neu geordnet werden. Das Gutachten liefert die fachliche Grundlage, jetzt sind politische Entscheidungen gefragt.“
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de