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EVG-Sicherheitskonferenz in NRW

16.03.26

Im Rahmen einer Sicherheitskonferenz in Nordrhein-Westfalen hat die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) Mitarbeiter über akute Gewaltsituationen im Zug beraten. Auch Landesverkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) war zu Gast. Die Hauptforderung war, Zugbegleiter grundsätzlich immer in Zweierteams auf die Reise zu schicken. Tierabwehrspray (TAS) ist eines der Hilfsmittel, die bei der DB AG seit 2017 zur „Gefahrenabwehr“ zum Einsatz kommen können. Kauf und Gebrauch seien völlig legal. Und da der Reizstoff Chili in Wasser und nicht in Gas aufgelöst sei, könnten – auch nach einem gezielten Strahl ins Gesicht – Reizstoffe nicht durch den ganzen Waggon wabern oder in die Klimaanlage geraten.

Bedenken, andere Fahrgäste in Mitleidenschaft zu ziehen, wurden ausgeräumt. Dies könne zwar passieren, mögliche Anzeigen wegen Körperverletzung seien bislang jedoch in der Regel niedergeschlagen worden. Bei Notwehr dürfe man alles verwenden, was zur Beendigung eines Angriffs taugt – also auch das Spray. Jeder Teilnehmer konnte den Einsatz selbst ausprobieren, um mögliche Hemmschwellen abzubauen. Wichtig seien die vorgeschriebene Einweisung und eine regelmäßige Auffrischung.

„TAS kann euch nicht nur im Dienst, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause helfen, Angreifer auf Distanz zu halten“, wurde während des Trainings deutlich. Gleichwohl steht zu Beginn einer jeden potenziellen Auseinandersetzung die Deeskalation. Das wurde beim Training in Essen immer wieder betont. Doch was tun, wenn Worte in brenzligen Situationen nicht weiterhelfen? Wie man sich selbst verteidigen kann – und dass man dabei sehr schnell sein muss – wurde im EVG-Training nahe des Essener Hauptbahnhofs ebenfalls gezeigt.

„Wenn Messer blitzen, müsst ihr flitzen“, merkte einer der Trainer des Verbandes Deutscher Eisenbahn-Sportvereine e.V. (VDES) an und machte damit deutlich, dass körperliche Auseinandersetzungen nie ohne Risiko sind. Der dritte Baustein im Bemühen um mehr Sicherheit war die BodyCam, deren Einsatz in der Regel deeskalierend wirkt. Offene Fragen wurden beantwortet und die Handhabung erläutert. Schnell wurde klar, dass der Einsatz für Busfahrer völlig ungeeignet ist. Hier braucht es spezifische Lösungen, die dauerhaft den Bereich vor der Fahrerkabine erfassen. Zu diesem Anlass wurde auch die aktuelle Sicherheitsumfrage der EVG vorgestellt – die alle zwei Jahre bei Mitarbeitern durchgeführt wird.

Im Vergleich zur Sicherheitsumfrage von 2024 hat sich das Sicherheitsempfingen der Beschäftigten noch einmal verschlechtert. Zwei Drittel der Befragten fühlen sich auf der Arbeit immer unsicherer. Das hat Gründe: Jeder Zweite hat mittlerweile einen körperlichen Angriff erleben müssen. Verbale Übergriffe wie Beleidigungen oder Bedrohungen haben sogar schon 85 Prozent der Befragten erlebt. Die Freude am Beruf geht zunehmend verloren; viele gehen mittlerweile mit Angst zur Arbeit.

Die Antworten auf die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, um für mehr Sicherheit zu sorgen, waren eindeutig: Auf den ersten beiden Plätzen der Umfrage liegen die Forderungen nach einer Doppelbesetzung bei den Zugbegleitern und mehr Sicherheitspersonal. 61 Prozent fordern zudem mehr Bundespolizei bei risikoreichen Fahrten. Es kam aber auch raus: Etwa ein Drittel der rund viertausend Teilnehmer erwägen aktuell ernsthaft, den Beruf zu wechseln – erstmals überhaupt spricht man damit offen über das Thema Personalverlust, was man in der Branche sehr lange versucht hat, unter dem Tisch zu halten.

Auch Landesverkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) kennt das Thema. Adressiert an die Mitarbeiter der Eisenbahnbranche sagte er: „Es ist auch unsere Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Ihnen ein Arbeiten in Sicherheit ermöglichen – leisten Sie doch einen wichtigen Dienst für die Allgemeinheit.“

Diese reichen vom „Kompetenzzentrum Sicherheit“ über eine Datenbank, in der Schwerpunkte aggressiven Verhaltens erfasst werden, bis hin zur IHK‑geprüften Sicherheitskraft: einem neu eingerichteten Lehrgang, der Mitarbeiter im Bereich Sicherheit qualifizieren und helfen soll, leichter neue Kräfte zu gewinnen. Finanzielle Zusagen für Doppelbesetzungen gab es von Oliver Krischer nicht – dafür aber Kritik an der Justiz: „Es ist für uns unerträglich, dass wir Übergriffe zur Anzeige bringen, die Verfahren von der Staatsanwaltschaft aber so gut wie immer eingestellt werden, weil angeblich kein öffentliches Interesse vorliegt.“

Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
Siegfriedstr. 24a
58453 Witten
Quelle: Zughalt.de