23.04.26
Die Allianz pro Schiene hat in der letzten Woche die diesjährigen „Eisenbahner mit Herz“ vorgestellt. Mehr als 300 Vorschläge hat es für Mitarbeiter zahlreicher Eisenbahnverkehrsunternehmen aus allen Regionen Deutschlands gegeben. Die diesjährigen Gewinner wurden erneut von einer Fachjury aus der Branche ausgewählt und bei einer feierlichen Gala in Potsdam ausgezeichnet. Die Preise werden in den Kategorien Gold, Silber und Bronze vergeben.
Der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene und Jury-Mitglied Dirk Flege würdigte die Leistungen, die Zugbegleiter, Lokführer und Servicemitarbeiter auch unter schwierigsten Bedingungen erbringen: „Bahnbeschäftigte haben derzeit wahrlich keinen leichten Job. Die immer häufiger vorkommenden körperlichen Angriffe auf das Zugpersonal machen uns als Jury fassungslos und betroffen. In diesem Jahr denken wir ganz besonders an den im Dienst getöteten Serkan Çalar. Seine Kollegen im ganzen Land werden diese Tat kaum vergessen können. Dass sich so viele trotzdem nicht entmutigen lassen und jeden Tag einen herausragenden Job machen, sich oft noch nach Feierabend aufopferungsvoll um Reisende kümmern und ihnen bei allen Problemen weiterhelfen, verdient in höchstem Maße Lob und Anerkennung. Wir wollen auch bei unserer 16. Preisverleihung unseren Eisenbahnern mit Herz eine Bühne geben, damit sie in der Öffentlichkeit die Wertschätzung und Anerkennung erfahren, die sie verdient haben.“
Am 25. Januar legt eine unerwartet dicke Schneedecke Baden-Württemberg lahm; auf Straße und Schiene geht kaum noch etwas. Mittendrin ist Zugbegleiter Ronald-Phillip Tolkiehn in einem vollen Regionalzug zwischen Stuttgart und Geislingen. Als der Zug in Esslingen dreieinhalb Stunden feststeckt, managt Tolkiehn diverse Anschlussfragen seiner Fahrgäste und kümmert sich darum, dass zwei Häftlinge auf Freigang wegen der Verspätung keinen Ärger mit ihrem Bewährungshelfer bekommen. Nachts fährt der Zug endlich in Geislingen ein.
Theoretisch hätte Ronald-Phillip Tolkiehn jetzt seinen längst überfälligen Feierabend. Doch als zwei Fahrgäste in Geislingen zu stranden drohen, zögert er nicht lange: Wo Taxis längst aufgegeben haben, kratzt Ronald-Phillip Tolkiehn sein eigenes Auto frei und fährt einen großen Umweg, um die beiden Reisenden sicher zu Hause abzusetzen. Nach drei Stunden Autofahrt ist er selbst gegen vier Uhr morgens zu Hause. „Für mich war es einfach selbstverständlich zu helfen“, sagt der Eisenbahner mit Herz 2026 ganz bescheiden. Er erhält den Goldpreis der Jury.
Sven Schimmel steht ein aufregender Tag bevor: Am 11. April des vergangenen Jahres legt er seine Abschlussprüfung zum Lokführer ab. Zunächst läuft alles glatt, doch dann bringen ein randalierender Fahrgast, ein Polizeieinsatz und der Krampfanfall einer Reisenden den Prüfungstag gehörig durcheinander. Zusammen mit seinen beiden Prüfern Manuel Drechsel und Steffen Richter bewahrt Sven Schimmel einen kühlen Kopf. Steffen Richter kümmert sich um die Reisende, und Manuel Drechsel unterstützt Sven Schimmel im Führerstand dabei, mit dem Fahrdienstleiter und der Leitstelle im Austausch zu bleiben.
Als die Reisende beim Eintreffen der Notärztin erneut zusammenbricht, entscheiden die drei Männer, sie abzuschirmen, und übernehmen dafür gegenüber der Notärztin die Verantwortung. Sie nehmen die Frau, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, mit in den Führerstand, und Sven Schimmel besteht die Prüfung.
Patricia Bergmann ist die gute Seele am Bahnhof Landshut. In ihrer Rolle als Mobilitätsservice-Mitarbeiterin ruft sie die Menschen, die ihre Unterstützung vorab gebucht haben, zunächst an, um sie besser kennenzulernen und zu klären, wo genau ihre Bedürfnisse liegen. Als die 14-jährige Carla zum ersten Mal allein mit dem Regionalzug zu ihrer Tante nach Passau reisen will, beruhigt Patricia Bergmann bereits am Telefon die aufgeregte Mutter.
Am Reisetag droht dann alles schiefzugehen: Das Gleis, an dem Carla in den Zug einsteigen müsste, verfügt über keinen Aufzug. Patricia Bergmann versucht, den Zug auf ein anderes Gleis umzuleiten – doch dieses wird ausgerechnet von einem defekten Zug blockiert. Aufgeben kommt nicht infrage. Sie hilft Carla dabei, die Treppen hinaufzukommen, während der Stiefvater sich darum kümmert, den Rollstuhl hinterherzutragen. Carla und ihre Familie sind begeistert von der herzlichen und zupackenden Art von Patricia Bergmann. Seitdem reist Carla häufiger mit der Bahn zu ihrer Tante.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de