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Debatte um neue SPFV-Anbieter

18.06.26

In Deutschland wird derzeit über private Fernverkehrsanbieter diskutiert, die erstmals in größerem Umfang in den Eisenbahnmarkt einsteigen wollen. Was auf dem Papier nach mehr Wettbewerb klingt, führt in der Praxis jedoch schnell zu Trassenkonflikten zwischen Nahverkehr, bestehendem Fernverkehr und neuen Interessenten. Im Kern geht es um die Verteilung knapper Kapazitäten auf einer vielerorts bereits überlasteten Infrastruktur.

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt grundsätzlich, dass mit dem italienischen Anbieter Italo nach Jahrzehnten des faktischen Monopols ein ernstzunehmender Wettbewerber in den innerdeutschen Hochgeschwindigkeitsverkehr drängt. Wettbewerb kann Preise senken, die Qualität verbessern und das Angebot erweitern – allerdings nur dann, wenn er unter fairen Rahmenbedingungen stattfindet.

Nach den derzeit bekannten Plänen möchte Italo ab 2028 auf den nachfragestarken Achsen Berlin–München, München–Hamburg sowie Köln–Frankfurt–München verkehren. Genau darin sieht Pro Bahn jedoch auch ein Problem. Eigenwirtschaftlicher Fernverkehr funktioniert verlässlich vor allem auf lukrativen Hauptstrecken. Ein neuer Anbieter verbessert das Angebot dort, wo es bereits heute vergleichsweise gut ist, während Regionen ohne Fernverkehrsanschluss davon kaum profitieren.

Hinzu kommt, dass das deutsche Schienennetz vielerorts an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Laufende Korridorsanierungen verschärfen die Situation zusätzlich. Aus Sicht von Pro Bahn darf zusätzlicher Fernverkehr deshalb keinesfalls zulasten des bestellten und öffentlich finanzierten Regionalverkehrs gehen. Für die meisten Menschen ist der Nahverkehr die Eisenbahn des Alltags – für den Weg zur Arbeit, zur Ausbildung oder zum Einkauf. Neue Anbieter dürfen sich keine attraktiven Fahrlagen sichern, wenn dadurch Regionalexpress- oder Regionalbahnangebote beeinträchtigt werden. Die Trassenvergabe müsse den Schutz bestehender Regionalverkehrstakte verbindlich gewährleisten. Mehr Wettbewerb im Fernverkehr dürfe nicht auf dem Rücken der Pendler ausgetragen werden.

Zugleich warnt Pro Bahn vor einer möglichen Zersplitterung des Angebots. „Mehr Anbieter dürfen für die Fahrgäste nicht mehr Zersplitterung und höhere Hürden bedeuten. Heute bündelt ein durchgehender Tarif der DB Fern-, Regional- und teilweise Nahverkehr zu einer einzigen Fahrkarte. Tritt nun ein weiterer Anbieter hinzu, der eigene Tarife, eigene Vertriebswege und keine Anerkennung bestehender Zeitkarten mitbringt, drohen genau jene Fahrgäste zu verlieren, die auf Flexibilität angewiesen sind“, heißt es beim Fahrgastverband.

Pro Bahn fordert deshalb einen verbindlichen anbieterübergreifenden Dachtarif. Dieser soll sicherstellen, dass eine Fahrkarte – unabhängig davon, welcher Betreiber sie verkauft – auf einer Relation in den Fernverkehrszügen aller Anbieter gültig ist. Dazu müsse auch ein Äquivalent zur BahnCard 100 gehören.

Zusätzlichen Zündstoff erhielt die Debatte durch eine von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) verbreitete Studie. Darin wird davor gewarnt, dass in mehreren Städten die bestehende Fernverkehrsanbindung gefährdet sein könnte.

Auch Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU), der zugleich Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz ist, sieht die Entwicklung kritisch. „Ich kämpfe dafür, dass keine neuen Trassen vergeben werden, solange es so viele Baustellen im Netz gibt, schon gar nicht zu Lasten des Schienenpersonennahverkehrs“, erklärt Bernreiter. Er verweist dabei auf einen Beschluss der Verkehrsministerkonferenz, der im Frühjahr unter bayerischem Vorsitz in Lindau gefasst wurde.

Darin heißt es: „Die Verkehrsministerkonferenz fordert den Bund, die Bundesnetzagentur und die DB InfraGO AG auf, einen Lösungsweg zu erarbeiten, welcher die Interessen der Eisenbahnverkehrsunternehmen ebenso berücksichtigt wie die Erwartungen der Länder, ein für den SPNV attraktives und planbares Angebot zu ermöglichen.“ Genau dieses Ziel sieht Bernreiter durch neue Marktteilnehmer gefährdet, die sich vor allem auf wirtschaftlich attraktive Strecken konzentrieren.

Auch die Allianz pro Schiene fordert die Bundesregierung auf, zügig klare Rahmenbedingungen für den Wettbewerb im Schienenfernverkehr zu schaffen. Der Vorstoß von Italo zur langfristigen Sicherung von Trassen zeige nach Auffassung des Verbandes eine problematische Regelungslücke auf. Eine Einzelfallentscheidung ohne übergeordnete Strategie für die Entwicklung des Fernverkehrsangebots berge die Gefahr, den seit Jahren geplanten Deutschlandtakt mit besseren Verbindungen im gesamten Bundesgebiet zu gefährden. „Wir brauchen hier ein klares Zielbild und die ordnende Hand des Staates“, erklärt der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege.

Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
Siegfriedstr. 24a
58453 Witten
Quelle: Zughalt.de