27.07.26
Die Ankündigung des italienischen Eisenbahnverkehrsunternehmens Italo S.p.A., ab April 2028 innerdeutschen Hochgeschwindigkeitsverkehr anzubieten, sorgt in der Eisenbahnbranche für intensive Diskussionen. Während Unternehmen des DB-Konzerns und insbesondere die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) den Markteintritt kritisch sehen und Aufgabenträger vor möglichen Auswirkungen auf den Schienenpersonennahverkehr warnen, bewertet der Wettbewerberverband Mofair die Pläne überwiegend positiv.
Verbandspräsident Martin Becker-Rethmann sagte: „Die Debatte um mehr Wettbewerb im Fernverkehr offenbart ungelöste grundlegende politische Fragen, die in Teilen unseres Sektors zu Angst anstatt positiven Reaktionen führt. Investitionen, Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen in Deutschland werden hinterfragt und von Verdrängungsängsten überlagert. Der zielgerichtete und auf einige wenige Netzabschnitte begrenzte Beschlussvorschlag der Bundesnetzagentur, der die berechtigten Interessen des Nah- und des Güterverkehrs schützt, wurde vielfach gar nicht richtig zur Kenntnis genommen.“
Weiter erklärte Becker-Rethmann: „Alle sind jetzt gut beraten, den in dieselbe Richtung weisenden Beschluss der Bundesnetzagentur offen und produktiv mit Leben zu füllen und die künftige Kapazitätsvergabe im Zuge der EU-Kapazitätsverordnung zum Jahr 2031 aktiv weiter mitzugestalten. Neben dem Zugang zu Trassen, Abstellgleisen und Werkstätten müssen auch für den Fahrausweisvertrieb Lösungen gefunden werden. Wir sollten gemeinsam ermöglichen, nicht verhindern!“
Wie konkret die Pläne inzwischen sind, zeigt der Auftrag an Siemens Mobility. Das Unternehmen liefert 26 achtteilige Velaro-Mehrsystemzüge mit einer Option auf weitere 14 Fahrzeuge. Hinzu kommt ein auf 30 Jahre angelegter Full-Service-Vertrag. Das Auftragsvolumen beläuft sich auf rund drei Milliarden Euro.
„Die Entscheidung von Italo Holding unterstreicht das Vertrauen in Siemens Mobility und den Velaro – eine der weltweit erfolgreichsten Hochgeschwindigkeitsplattformen. Mit Einsätzen in zahlreichen Ländern, mehr als drei Milliarden zurückgelegten Kilometern und Millionen beförderten Fahrgästen weltweit setzt der Velaro Maßstäbe für zuverlässigen und effizienten Hochgeschwindigkeitszugverkehr. Diese langfristige Partnerschaft, die sowohl die Züge als auch einen dreißigjährigen Full-Service-Vertrag umfasst, ist ein wegweisendes Projekt und ein starkes Bekenntnis zu industrieller Wertschöpfung und Innovation made in Germany“, sagt Michael Peter, CEO von Siemens Mobility.
Der dreißigjährige Full-Service-Vertrag umfasst die Instandhaltung der Flotte im Siemens-Mobility-Depot in Dortmund, in dem bereits die Fahrzeuge des Rhein-Ruhr-Express gewartet werden.
Mofair bewertet den geplanten Markteintritt ausdrücklich positiv. Nach Ansicht des Verbandes zeigt die Bestellung von Hochgeschwindigkeitszügen eines deutschen Herstellers in Verbindung mit einem langfristigen Wartungsvertrag in Deutschland, dass Italo auf einen nachhaltigen Markteintritt setzt. Auch zahlreiche Medien hätten die Ankündigung als Chance für mehr Wettbewerb und eine größere Auswahl im Fernverkehr bewertet.
Kritiker verweisen regelmäßig auf die hohe Auslastung des Schienennetzes und bezweifeln, dass zusätzliche Fernverkehrsangebote möglich seien. Mofair hält dagegen, dass DB Fernverkehr in den vergangenen Jahren ohne Abstimmung mit den Aufgabenträgern unter anderem den Halbstundentakt zwischen Hamburg und Berlin eingeführt und weitere ICE-Sprinter-Angebote etabliert habe.
Dazu erklärt der Verband: „Einen medialen Aufschrei hat man dazu selten gehört. Ganz offensichtlich ist seinerzeit mit anderem Maß gemessen worden.“
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert die Bundesregierung unterdessen auf, die Fahrgastrechte an einen künftig stärkeren Wettbewerb im Fernverkehr anzupassen. Der Bundesvorsitzende Matthias Kurzeck erklärte: „Heute haben Fahrgäste keinen Anspruch auf eine kostenlose Weiterfahrt, wenn sie z. B. mit einem verspäteten ICE der Deutschen Bahn ihren Anschluss an einen Flixtrain verpassen.“
Tickets für durchgehende Bahnreisen müssten deshalb künftig auch dann als einheitliche Fahrkarte gelten, wenn unterwegs zwischen verschiedenen Fernverkehrsanbietern umgestiegen werde. Dies sei aus Sicht des VCD eine naheliegende Lösung, bis die Unternehmen entsprechende gemeinsame Angebote schaffen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de