06.08.26 (Kommentar)
Die Deutsche Bahn schreibt erstmals seit 2019 wieder schwarze Zahlen. Das ist eine gute Nachricht – nicht nur für den Konzern selbst, sondern auch für den Schienenverkehr insgesamt. Denn eines sollte bei aller Kritik an der Deutschen Bahn unstrittig sein: Ein Unternehmen, das dauerhaft Milliardenverluste erwirtschaftet, kann auf Dauer nicht erfolgreich sein.
In den vergangenen Jahren hat sich vielfach die Haltung verfestigt, die Bahn müsse sich um Gewinne gar nicht kümmern. Schließlich sei sie bundeseigen und erfülle einen öffentlichen Auftrag. Das greift jedoch zu kurz. Selbstverständlich muss die Deutsche Bahn wirtschaftlich arbeiten. Sie muss ihre Kosten im Blick behalten, Investitionen finanzieren und verantwortungsvoll mit den Finanzmitteln umgehen. Dauerhafte Verluste sind weder ein Zeichen guter Verkehrspolitik noch Ausdruck besonderer Gemeinwohlorientierung.
Genauso falsch wäre allerdings der umgekehrte Ansatz. Die Deutsche Bahn ist kein gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen, dessen Erfolg sich ausschließlich an der Rendite bemisst. Sie betreibt das Schienennetz, verbindet Regionen miteinander und sorgt dafür, dass Millionen Menschen täglich zur Arbeit, zur Schule oder in den Urlaub gelangen. Hinzu kommt der Schienengüterverkehr, der für die Versorgung von Wirtschaft und Industrie unverzichtbar ist. Diese Aufgaben lassen sich nicht allein mit der Logik einer Gewinnmaximierung erfüllen.
Deshalb kommt es auf die richtige Balance an. Wirtschaftlichkeit ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den öffentlichen Auftrag dauerhaft erfüllen zu können. Wer ständig Verluste schreibt, verliert zwangsläufig Handlungsspielräume. Investitionen werden verschoben, Schulden wachsen und am Ende muss der Bund immer neue Milliarden bereitstellen. Umgekehrt wäre es aber ebenso problematisch, wenn notwendige Investitionen in Infrastruktur, Fahrzeuge oder Personal unterblieben, nur um kurzfristig ein besseres Jahresergebnis auszuweisen.
Die jetzt erreichte Rückkehr in die Gewinnzone zeigt, dass sich wirtschaftliche Stabilisierung und hohe Investitionen nicht gegenseitig ausschließen müssen. Gerade jetzt fließen Milliardenbeträge in die Erneuerung des Schienennetzes, in moderne Stellwerkstechnik und neue Fahrzeuge. Diese Investitionen werden den Bahnbetrieb noch über Jahre belasten, sind aber unverzichtbar, wenn die Qualität steigen soll.
Deshalb sollte die aktuelle Bilanz weder überhöht noch kleingeredet werden. Sie ist kein Beweis dafür, dass bei der Deutschen Bahn nun alles in Ordnung wäre. Sie zeigt aber, dass der Konzern wirtschaftlich wieder auf einem solideren Fundament steht. Genau das ist notwendig, um die Herausforderungen anzugehen.
Die Deutsche Bahn muss wirtschaftlich lebensfähig sein. Sie darf aber ebenso wenig auf die Rolle eines gewinnmaximierenden Unternehmens reduziert werden. Ihr Maßstab ist nicht die höchste Rendite, sondern ein leistungsfähiges Eisenbahnsystem. Wirtschaftlicher Erfolg und ein guter Bahnverkehr sind dabei keine Gegensätze, sie bedingen einander.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de