13.08.26 (Kommentar)
Die Digitalisierung der Eisenbahn wird in Deutschland mit Milliardenbeträgen vorangetrieben. ETCS, digitale Stellwerke und moderne Leit- und Sicherungstechnik sollen mehr Kapazität, höhere Zuverlässigkeit und einen effizienteren Betrieb ermöglichen. Doch was nützt die modernste Technik, wenn ihre Inbetriebnahme an Verfahren hängt, die aus einer anderen technischen Epoche stammen?
Genau hier setzt die Forderung des TÜV-Verbands an. Sie ist grundsätzlich richtig und kommt zur richtigen Zeit. Softwarebasierte und vernetzte Bahnsysteme lassen sich nicht mehr so prüfen wie einzelne Komponenten früherer Generationen. Wenn mehrere Fachdisziplinen ineinandergreifen, müssen auch Prüfstrukturen interdisziplinär organisiert sein. Ein System, das stark auf einzelne persönlich anerkannte Sachverständige zugeschnitten ist, stößt dabei zwangsläufig an Grenzen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Prüfungen abgeschwächt werden dürfen. Gerade bei Signal-, Telekommunikations- und elektrotechnischen Anlagen ist Sicherheit nicht verhandelbar. Es wäre fatal, Beschleunigung mit Deregulierung zu verwechseln. Der richtige Weg ist deshalb nicht weniger Kontrolle, sondern bessere Organisation.
Doppelprüfungen schaffen nicht automatisch zusätzliche Sicherheit. Wenn dieselben Qualifikationen, Akkreditierungen oder technischen Bewertungen mehrfach nachgewiesen werden müssen, bindet das vor allem Fachkräfte und verlängert Verfahren. Gerade angesichts des Mangels an qualifizierten Spezialisten ist das ein Luxus, den sich die Branche kaum leisten kann.
Hinzu kommt die europäische Dimension. ETCS soll nationale technische Grenzen überwinden und den Eisenbahnverkehr in Europa vereinheitlichen. Dann wäre es widersprüchlich, bei Prüf- und Zulassungsverfahren weiterhin möglichst viele nationale Sonderwege zu pflegen. Wo europäische Bewertungsstrukturen vorhanden und belastbar sind, sollten sie konsequent genutzt werden.
Gleichzeitig muss die staatliche Verantwortung klar bleiben. Das Eisenbahn-Bundesamt darf durch eine Reform nicht geschwächt werden. Unabhängige Organisationen können technische Bewertungen übernehmen, doch die hoheitliche Entscheidung muss bei einer eindeutig zuständigen Behörde liegen. Klare Verantwortlichkeiten sind ein Teil von Sicherheit.
Die eigentliche Botschaft ist deshalb einfach: Wenn Deutschland seine Eisenbahn digitalisieren will, muss es nicht nur in Technik investieren. Auch die Verfahren, mit denen diese Technik geprüft und zugelassen wird, müssen modernisiert werden. Sonst entsteht ausgerechnet dort ein Flaschenhals, wo die Digitalisierung eigentlich beschleunigen soll.
Nicht weniger Prüfung ist gefragt, sondern bessere Prüfung. Schnellere Verfahren, weniger Doppelstrukturen, europäische Standards und gleichzeitig ein hohes Sicherheitsniveau schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Genau diese Kombination wird nötig sein, wenn ETCS und digitale Stellwerke in den kommenden Jahren wirklich in der Fläche ankommen sollen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de