Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) hat das europaweite Vergabeverfahren für den zweiten Münchner S-Bahn-Vertrag gestartet. Der neue Vertrag soll den Betrieb des gesamten Münchner S-Bahn-Netzes ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2034 regeln. Vorgesehen ist zunächst eine Laufzeit bis Dezember 2041; bis zu drei Verlängerungen um jeweils ein Jahr sind möglich. Der Zuschlag soll nach derzeitiger Planung 2029 erteilt werden.
Das Bestellvolumen liegt zunächst bei rund 23,7 Millionen Zugkilometern pro Jahr. Damit wächst das Angebot gegenüber dem heutigen Vertrag mit DB Regio um knapp neun Prozent. Der bestehende erste Münchner S-Bahn-Vertrag läuft bis Dezember 2034. Nach Angaben der BEG entfallen derzeit rund 16 Prozent des gesamten bayerischen Bestellvolumens im Schienenpersonennahverkehr auf die Münchner S-Bahn. Damit zählt die Vergabe auch wirtschaftlich zu den größten Nahverkehrsverträgen des Freistaats. Die BEG vergibt den Folgevertrag in einem Verhandlungsverfahren mit vorgeschaltetem Teilnahmewettbewerb. Bewerber können ihre Teilnahmeanträge bis Ende Oktober einreichen.
Der neue Vertrag umfasst die acht Linien des Münchner S-Bahn-Netzes. Neu einbezogen wird auch der Abschnitt zwischen Ebersberg und Wasserburg, der bislang zum Netz der Südostbayernbahn gehört und noch mit Dieselzügen bedient wird. Auf zahlreichen Linien soll der 20-Minuten-Takt künftig bis etwa Mitternacht ausgedehnt werden. Bis ungefähr 2 Uhr ist ein 40-Minuten-Takt vorgesehen. In den Nächten vor Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen soll darüber hinaus ein durchgehender Nachtverkehr möglich werden.
Eine wichtige Rolle spielt die zweite Stammstrecke. Die Deutsche Bahn nennt derzeit 2035 als geplanten Termin für deren Inbetriebnahme. Weil dieser Zeitpunkt nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht sicher vorhergesagt werden kann, ist der neue Verkehrsvertrag flexibel angelegt. Die BEG kann nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke eine zweite Betriebsstufe mit zusätzlichen Leistungen und geänderten Liniendurchbindungen beauftragen. Diese Erweiterung muss von den Bietern zunächst nicht vollständig in das Angebot für die erste Betriebsstufe eingerechnet werden.
Mit dem neuen Vertrag ändern sich auch mehrere Linienwege. Ende 2034 sollen die S2 und S3 ihre östlichen Äste tauschen. Die S2 fährt dann in Richtung Holzkirchen, die S3 nach Erding. Auf den westlichen Ästen nach Petershausen und Mammendorf verschieben sich dadurch die Fahrzeiten. Hintergrund ist unter anderem der geplante Einsatz der neuen, besonders langen S-Bahn-Züge.
Für München sind bereits 90 neue Fahrzeuge von Siemens bestellt. Die rund 202 Meter langen Züge sollen ab Ende 2028 schrittweise in Betrieb gehen und später auch im zweiten Münchner S-Bahn-Vertrag eingesetzt werden. Die Fahrzeuge werden dem künftigen Betreiber von der BEG zur Verfügung gestellt. Damit ist ein Betreiberwechsel möglich, ohne dass die neue Fahrzeugflotte erneut beschafft werden müsste. Zusätzlich sollen weitere Neufahrzeuge folgen, um die verbleibenden älteren Fahrzeuge nach und nach zu ersetzen.
Während der Vertragslaufzeit könnten außerdem rund 30 zusätzliche Fahrzeuge hinzukommen. Sie sind insbesondere für mögliche Regional-S-Bahn-Linien vorgesehen und sollen dem Betreiber voraussichtlich über ein Leasingmodell bereitgestellt werden. Welche zusätzlichen Verbindungen tatsächlich umgesetzt werden, hängt unter anderem vom Ausbau der Infrastruktur und von der zweiten Stammstrecke ab.
Der Vertrag wird als Bruttovertrag ausgestaltet. Die Fahrgelderlöse und damit verbundene Risiken liegen damit grundsätzlich beim Freistaat beziehungsweise bei der BEG, während das Verkehrsunternehmen für die vereinbarte Betriebsleistung bezahlt wird. Gleichzeitig enthält der Vertrag Qualitätsvorgaben, an denen der Betreiber gemessen werden soll.
Die lange Vorlaufzeit zwischen Ausschreibungsstart und Betriebsaufnahme ist für die BEG vor allem mit der Größe und Komplexität des Netzes verbunden. Die Münchner S-Bahn gehört zu den größten Nahverkehrssystemen in Bayern und bündelt einen erheblichen Teil des landesweiten Schienenpersonennahverkehrs. Neben dem eigentlichen Betrieb müssen Fahrzeuge, Personal, Werkstattkapazitäten, Fahrgastinformation und die spätere Umstellung auf die zweite Stammstrecke vorbereitet werden.
Mit der Ausschreibung werden damit wesentliche Eckpunkte für den Münchner S-Bahn-Verkehr der 2030er Jahre festgelegt. Wer das Netz ab Ende 2034 betreibt, soll nach Abschluss des mehrstufigen Vergabeverfahrens 2029 feststehen.
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de