29.10.26 (Kommentar)
Die Verkehrsministerkonferenz warnt vor steigenden Trassenpreisen und möglichen Abbestellungen im SPNV. Das Problem liegt aber tiefer als bei der Frage, ob der Bund noch einige Milliarden Euro zusätzlich bereitstellt. Entscheidend ist, nach welcher Logik die Nutzung des Schienennetzes bepreist wird.
Heute enthält das Trassenentgelt nicht nur die Kosten, die eine zusätzliche Zugfahrt unmittelbar verursacht. Hinzu kommen Aufschläge zur Deckung eines Teils der Fixkosten des Netzes. Genau daraus entsteht ein Fehlanreiz: Wer zusätzliche Züge fahren lassen will, muss hohe Entgelte bezahlen. Wer dagegen Leistungen abbestellt, spart diese Entgelte weitgehend ein.
Dabei verschwinden die Kosten der Infrastruktur nicht im gleichen Umfang. Stellwerke, Brücken, Leit- und Sicherungstechnik oder große Teile der Instandhaltung kosten weiter Geld, auch wenn einige Züge weniger fahren. Ein erheblicher Teil der Kosten von DB InfraGO fällt unabhängig davon an, ob die einzelne Trasse genutzt wird.
Deshalb braucht Deutschland ein Trassenpreissystem, das sich deutlich stärker an Grenzkosten orientiert. Ein zusätzlicher Zug sollte im Kern die Kosten tragen, die er tatsächlich zusätzlich verursacht. Verschleiß und andere unmittelbar durch die Zugfahrt entstehende Kosten müssen bezahlt werden. Die allgemeinen Fixkosten des Netzes gehören dagegen stärker in eine verlässliche öffentliche Infrastrukturfinanzierung.
Damit würden sich die Anreize verändern. Zusätzliche Zugleistungen würden günstiger. Gleichzeitig würde eine Abbestellung weniger attraktiv, weil sie beim Infrastrukturbetreiber nicht jene Einsparungen auslöst, die der heutige Trassenpreis beim Besteller suggeriert. Gerade das ist wichtig, wenn Länder und Aufgabenträger unter finanziellem Druck stehen.
Wer kurzfristig Zugkilometer streicht, kann heute erhebliche Beträge sparen. Für das Gesamtsystem kann daraus jedoch eine Abwärtsspirale entstehen: weniger Verkehr, geringere Auslastung, höherer Kostendruck und am Ende weitere Kürzungen.
Dass es dabei nicht nur um Fahrpläne und Länderhaushalte geht, haben auch die beiden großen Eisenbahnergewerkschaften erkannt. EVG und GDL fordern eine grundlegende Reform der Trassenpreise und warnen vor Folgen für Arbeit und Beschäftigung. Jeder dauerhaft gestrichene Zug bedeutet weniger Arbeit im Betrieb. Verliert eine Strecke ihren Personen- oder Güterverkehr, kann irgendwann auch ihre Infrastruktur zur Disposition stehen.
Dann geht es um Arbeitsplätze bei Eisenbahnverkehrsunternehmen ebenso wie bei DB InfraGO: im Stellwerk, in der Instandhaltung, im Betrieb und in weiteren Bereichen. Eine Trassenpreisreform ist deshalb nicht nur Verkehrs- und Finanzpolitik. Sie ist auch Beschäftigungspolitik.
Die Verkehrsministerkonferenz hat das Problem beschrieben. Jetzt muss aus der Diagnose eine grundlegende Reform werden. Mehr Geld kann kurzfristig helfen. Dauerhaft braucht die Schiene ein Preissystem, das zusätzlichen Verkehr erleichtert statt verteuert und Abbestellungen nicht künstlich attraktiv macht.
Siehe auch: Verkehrsministerkonferenz fordert mehr Geld für SPNV
Stefan Hennigfeld
Redaktioneller Leiter
Zughalt e.V.
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Quelle: Zughalt.de